Motel Life – Roman von Willy VlautinRezension zum Debüt des amerikanischen Schriftstellers
Leben und leiden in Amerika: Vlautin kann nicht nur gute Songs schreiben, auch als Romancier beweist er einiges Talent. Das zumindest zeigt sein Erstling „Motel Life".
Willy Vlautin ist nicht der erste Sänger und Songschreiber, der einen Roman schreibt – und er wird garantiert auch nicht der letzte sein. Musikalische Größen wie Bob Dylan oder Nick Cave haben bereits vor dem Frontmann der Folkrockband Richmond Fontaine gezeigt, wie eindringlich sie über normale und skurrile Facetten des Lebens Geschichten verfassen können. Aber Vlautin muss den Vergleich mit Dylan, Cave und Co. wahrlich nicht scheuen, denn sein Romandebüt „Motel Life“ sprüht nur so vor einer authentischen Lebendigkeit, der er eine gehörige Portion Melancholie und Hoffnungslosigkeit beigemischt hat. Autounfall mit FolgenFrank und sein zwei Jahre älterer Bruder Jerry Lee sind die besten Beispiele für die nordamerikanische weiße Unterschicht: beide sind Schulabbrecher, beide schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben, beide haben weder Hoffnung noch eine wirkliche Zukunft. Kein Wunder also, dass sich die Brüder nicht einmal eine Wohnung in Reno mieten können, sondern in Motels der übelsten Kategorie (so mit Ungeziefer und Etagentoiletten) hausen. Schlimmer geht es eigentlich kaum noch. Eines Nachts taucht Jerry Lee bei Frank auf. Er ist total fertig, denn er hat eben einen Jungen mit seinem Auto totgefahren. Der ist ihm einfach so vor die Karre geraten. Keine Chance auszuweichen. Die hätte er auch nicht gehabt, wenn er nüchtern gewesen wäre – schwört wenigstens Jerry Lee. Statt sich gemeinsam zu beruhigen und die Sache zu klären, verschlimmern die Brüder die Situation nur noch. Sie laden den Leichnam einfach anonym an einem Krankenhaus ab und machen sich aus dem Staub. Zumindest versuchen sie sich aus dem Staub zu machen, denn Jerry Lee bekommt Muffensausen, kehrt allein nach Reno zurück und versucht sich, ob all seiner Schuldgefühle, das Leben zu nehmen. „Motel Life“: Versager als HeldenAls typischen Versager gelingt Jerry Lee aber nicht einmal der Abgang aus dem Leben richtig. Statt sich den Kopf wegzuballern, schießt er sich nur in seinen verkrüppelten Oberschenkel (als Jugendlicher verlor er sein linkes Bein als er in einem Moment unbeschwerter Freiheit auf einen Zug aufspringen wollte) und versucht zu verbluten. Gerade noch rechtzeitig wird er gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Dort bittet Jerry Lee seinen Bruder Frank, ihn doch herauszuholen. Frank kratzt sein restliches Geld zusammen, macht bei einer Boxkampfwette einen stattlichen Gewinn, holt seinen Bruder unbemerkt aus der Klinik und flüchtet mit ihm erneut. Dieses Mal nach Elko, denn dort wohnt seine verflossene Jugendliebe. Verzweifelt versuchen die Brüder, ihrer tristen Vergangenheit und den nagenden Schuldgefühlen davonzulaufen. Gelingen will es ihnen aber nicht so recht. Was am Schluss bleibt, ist ein tragischer Verlust und ein winziger, wenn auch sehr flüchtiger Hoffnungsschimmer. Verschwendete Leben in „Motel Life“Soviel zu der Handlung in Willy Vlautins Debüt, doch die Geschichte hat noch wesentlich mehr zu bieten, als diese aneinander gereihten Fakten. Immerhin werden hier die verkorksten Leben zweier Brüder aus der Perspektive des jüngeren Franks erzählt. Nach und nach erfährt man als Leser von der tragischen Vergangenheit der beiden Männer, deren Mutter zum Beispiel früh starb, sodass sie sich als Teenager alleine durchschlagen mussten. Die Folge sind zwei verschwendete Leben, denn sowohl Jerry Lee als auch Frank haben schlummernde Talente. Der eine ist ein hervorragender Comiczeichner, der andere ein begnadeter Geschichtenerzähler. Statt damit aber Geld zu verdienen, benützen die Brüder ihre Talente lediglich als Fluchtweg vor der Realität, um sich kurzzeitig in einem Bild oder in einem Abenteuer verstecken zu können. Das ist tragisch, grausam und unfair. Aber was im Leben ist denn schon fair? Willy Vlautins beeindruckender ErzählstilVielleicht ist es genau diese schreiende Ungerechtigkeit, die „Motel Life“ so ungeheuer authentisch wirken lässt. Fernab von allem Pathos erzählt Willy Vlautin hier Momentaufnahmen aus dem Leben zweier Männer, die tatsächlich irgendwo so in den Vereinigten Staaten leben könnten. Man riecht ihren nach Jim Beam oder Bier duftenden Atem beim Lesen förmlich – so nahe rücken Jerry Lee und Frank an einen heran. Und so werden aus den beiden Versagern plötzlich zwei Helden, mit denen man bangt, hofft und mitfühlt. Ein beeindruckendes Stück Literatur eben. Dass diese schriftstellerische Leistung in „Motel Life“ nicht nur ein Zufallstreffer von Vlautin war, beweist der Autor übrigens mit seinem zweiten Roman „Northline“, der nun auch in einer deutschen Übersetzung vorliegt, und der dem ersten Werk an erzählerischer Kraft und abgründiger Handlung in nichts nachsteht. Willy Vlautin: Motel Life. Berlin Verlag, 2008. Taschenbuch, 208 Seiten. Euro 17,90.
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