Northline – Roman von Willy VlautinRezension zu einem Werk voll hoffnungsloser Traurigkeit
Mit „Northline" hat Willy Vlautin erneut eine literarische Ballade geschrieben, die sich beeindruckend melancholisch mit Randfiguren der Gesellschaft beschäftigt.
Es gibt Romane, die derart poetisch geschrieben sind, dass sie schon fast wie Musik im Leser nachklingen. Auch in „Northline“ von Willy Vlautin bringt Musik das Innerste zum Klingen – und zwar im doppelten Sinne. Zum einen liegt das an den schlichten Sätzen und Gedankengängen der Protagonistin Allison Johnson, die so geradeheraus, alltäglich und nüchtern sind, dass sie in ihrer Einfachheit seelische Abgründe offenbaren. Zum anderen ist dem Buch aber auch eine CD beigelegt. Ein Soundtrack zum Roman, den Vlautin, der ja auch Sänger und Songschreiber der Folkrockband Richmond Fontaine ist, zusammen mit Paul Brainard komponiert und eingespielt hat. Nicht ohne Grund. Als Vlautin „Northline“ für seinen Verlag überarbeitete und das Gefühl hatte, gerade besonders gemein mit seiner Allison umgesprungen zu sein, griff er sich seine Gitarre und spielte für seine Heldin, die er so mit ihrem eigenen Leben literarisch gequält hat. Eine Art Seelenbalsam inklusive Wiedergutmachung. Paul Newman und der White TrashBei all dem Leid, das der erst 22-jährigen, in Las Vegas lebenden Allison widerfährt, verwundert es nicht, dass aus einem Song ganz schnell vierzehn geworden sind. Denn Allison leidet sehr. Und das vor allem immer wieder. Da wäre zum Beispiel ihr ausländerfeindlicher Freund Jimmy, der sie regelmäßig misshandelt, wenn er auf Drogen und sie mal wieder sturzbesoffen ist. Ihm hat sie auch das tätowierte Hakenkreuz auf dem Rücken zu verdanken, denn sie kann einfach nicht nein sagen. Über sich selbst zu reden ist generell nicht so Allisons Ding. Auch nicht mit ihrer alkoholkranken Mutter oder der jüngeren Schwester, die mit ihrem Macker nach Mexiko abhaut. Nur bei Paul Newman, da wird „das Mädchen“, wie sie am Anfang der Geschichte hauptsächlich genannt wird, redselig. Nicht, dass sie ihrem Lieblingsschauspieler je begegnet wäre. Es sind fiktive Gespräche, mit denen sich Allison, die Kellnerin ohne Schulabschluss, Mut zum Weiterleben macht. Als Allison herausfindet, dass sie im dritten Monat schwanger ist, haut sie ab. Nach Reno. Sie gibt ihr Kind zur Adoption frei, bereut diesen Schritt sofort, versucht aber, im Leben wieder Fuß zu fassen. Mal gelingt das. Oft aber auch nicht. Doch zum Glück ist da dann auch noch Dan Mahony, ihr verkrüppelter Stammgast im Diner. Dans zaghafte Annährungsversuche bieten zwar keine Erlösung, aber immerhin etwas Hoffnung. Willy Vlautins Milieustudie fernab aller KlischeesWenn man es genau nimmt, dann hat „Northline“ keine Helden, denn lauter Versager spielen hier die Hauptrollen. Es sind Randfiguren der nordamerikanischen Gesellschaft, die man als White Trash bezeichnet und nicht weiter wahrnimmt. Auf der Straße erkennt man diese abgebrochenen und verloren wirkenden Gestalten sofort – und geht, ohne sie zu beachten oder gar an sie zu denken, einfach an ihnen vorbei. Aus den Augen, aus dem Sinn. Nicht aber so Willy Vlautin. Er hat sich den weißen Abschaum seiner Heimat ganz genau angeschaut und befreit diese Personen in seinen Romanen von allen Klischees, macht sie zu fühlenden und liebenswerten Menschen, die einfach nur eine einzige wahre Chance bräuchten, um sich wertvoll zu fühlen. „Northline“: Soundtrack eines LebensWie gut er solch eine Vorurteilskruste aufbrechen kann, hat Vlautin bereits mit seinem Debüt „Motel Life“ bewiesen. Doch „Northline“ ist sogar noch ein wenig beeindruckender, denn hier ist seine Sprache ein Stück direkter, schonungsloser, wesentlich trister. Er baut keine Hoffnung auf, belehrt seine Leser aber auch nicht mit einem besserwisserischen Zeigefinger. Am wichtigsten ist aber, dass er seinen Figuren auf Augenhöhe begegnet, sich selbst nicht für etwas Besseres hält. Dadurch wird der Roman ungeheuer authentisch und berührt einen beim Lesen. Und plötzlich hört man auch ohne den beigefügten Soundtrack die melancholische Lebensmusik der Allison Johnson. Willy Vlautin: Northline. Berlin Verlag, 2009. Taschenbuch inklusive CD, 203 Seiten. Euro 19,90.
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